Andacht September - November 2019

DANKET DEM HERRN;
denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich. (Psalm 107,1)

Im Oktober feiern wir wieder das Erntedankfest. Wir danken für das, was wir geschenkt bekamen an Früchten unserer Arbeit. Doch auch andere Bilder mischen sich in diesen Dank: Ernteausfälle, Missernten, Katastrophen, kriegerische Auseinandersetzungen und vieles mehr, was die Seele belasten kann und belastet. Da sind auch Erinnerungen des eigenen Lebens: wo es bei mir dunkel wurde, kein Weg, keine Möglichkeit mehr sichtbar. Ich denke an das, was mich einengt, was mich bedrückt,   mich fesselt, mein Leben einschnürt.

Wie gehe ich mit solchen Erfahrungen um? Die Vorfahren sagten oft: “Es bleibt nicht lange schön!“ Ist das aber nicht nur eine  tragisch-ergebene Sichtweise? Da bleibe ich mit hängenden Schultern eben einfach sitzen in meinem Elend, möchte bedauert werden –  und keiner bedauert mich!

Von dem Menschen in Psalm 107 erfahren wir ein anderes Umgehen mit den Erlebnissen seines Lebens. Er weiß eine Adresse in seiner Not und Ungeborgenheit. Er wendet sich an Gott, der ihn mit seiner Gnade umfängt. „Die dann zum HERRN riefen in ihrer Not, und er errettete sie aus ihren Ängsten.“ (V.6).Ja, das war die neue Erfahrung. Viel-   leicht hat er es einfach einmal ausprobiert: zu Gott rufen, zu Gott schreien, zu Gott beten – lauthals oder in der Stille. Kann das unsere Erfahrung werden als Menschen unserer Zeit, die so zerrissen ist; als Menschen, die heute weithin das Beten verlernt haben?

Wie halten wir es mit dem Beten – in der Familie, in der Gemeinde, in der Gesellschaft? Und wo sich dann neue Wege auftaten, wir neue Möglichkeiten entdeckten, Befreiung aus den Zwängen, war das dann einfach nur Glück oder Schicksal oder sonst was?

Aus dem Glauben heraus müssen wir  hier ein „Nein“ auf diese Frage sagen. Aus dem Glauben heraus gesprochen, ist es doch immer neu, ja, ein Wunder Gottes. Seine Güte über  den Menschen, seine Güte über diese Welt, in der wir leben, nicht aufhört, wie tief und schwer auch so mancher Weg ist und werden mag.

Und noch eines kommt hinzu: die Reaktion darauf. Und die scheint doch entscheidend wichtig zu sein. Wenn mir Gutes widerfahren ist, gehe ich dann einfach zum „nächsten Punkt der Tagesordnung über“, oder was tue ich dann?

Entscheidender und nur konsequent, stehe ich im Glauben, als das hier angemahnte Rufen und Bitten und Beten, damals zur Zeit des 107. Psalms und heute vielleicht erst recht, drückt der 8. Vers dieses Gebetes aus: die zum HERRN riefen in ihrer Not, „die sollen dem HERRN danken für seine Güte und seine Wunder, die er an den Menschenkindern tut.“ Ja, wir leben in einer Welt, in der der Dank oft zu kurz kommt. Wir leben in einer Welt der Forderungen. Und das Kennzeichen unserer Zeit scheint die Ungeduld gepaart mit Undank zu sein. Das ist eine tragische Entwicklung, die sich unversehens auch auf menschliche Beziehungen verlagert. Sie kann sehr verletzen, was bisweilen nur schwer noch wieder zu heilen ist. Wieviel mehr wunderbare Möglichkeiten eröffnen sich, wenn wir miteinander -und auch mit der Schöpfung- in Güte und Barmherzigkeit umgingen. Da würde auch der Dank nicht vergessen, auch nicht bei Rückschlägen.

„Die sollen dem HERRN danken...“, das gerät so oft in Vergessenheit, und da zerbricht die Verbindung zu dem, der mir, Mensch, nur Gutes will. Da zerbricht eine Hoffnungs- perspektive und ich falle gleichsam zurück in das Gefängnis des Egoismus.

Im Danken wird mein Blick erweitert. Im Danken spiegelt sich Güte, spiegelt sich Gnade, widerscheint Vergebung, dass das Leben gut werde -für mich und andere.

Die Mahnung in diesem Psalm zum Beten und Bitten und vor allem zum Danken ist wohl nicht von ungefähr, möchten wir, dass das Leben, die Freude, der Friede erblühe.

Der jedenfalls, den wir in Jesus Christus unser aller Vater nennen, bleibt dabei wie er immer tat und tut und tun wird: heben und retten, in Güte vergeben.

Er könnte dafür schon ein „Dankeschön“ bekommen und wir darin eine Perspektive in Hoffnung auf Zukunft.

Am Erntedankfest – und nicht nur an diesem Termin- sollten wir es so tun, oder vielleicht: es einfach mal ausprobieren, und vielleicht auch wieder und wieder, und dann die Erfahrung machen, dass Türen sich öffnen, Hoffnung und Zukunft in meine Dunkelheit hineinscheint: „Danket dem HERRN, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich.“

Eine von Gott gesegnete Zeit wünscht Ihnen Ihr

Dieter Bergholz